Let's talk about - Hunger
„Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört durch Wahnsinn, verhungernd“ (Allen Ginsberg)
Wir Frauen verfügen über mehr Macht, mehr Geld und mehr Möglichkeiten, als unsere Vorfahrinnen. Und trotzdem sind wir, was unser körperliches Selbstwertgefühl anbelangt, womöglich schlechter dran, als unsere emanzipierten (Ur-)Großmütter. Die Superfrau muss jetzt die Arbeit machen, die Care Arbeit und als dritte Schicht die „Schönheitsarbeit“.
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Schönheit ist lukrativ – für Firmen.
Als der Hauswarenmarkt zu schrumpfen begann, erfand man kurzerhand einen riesigen Schlankheits- und Jugendlichkeitsindustrie. Es wurde ein Problem erschaffen und, weniger zufällig, die Lösung direkt mit präsentiert. Cellulite wurde 1973 erfunden. Bis dahin war es einfach weibliches Fettgewebe.
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Schätzungsweise jede zweite Frau in Deutschland ist essgestört. Eine Studie des Robert-Koch-Institutes zeigt, dass 33,6 % der Mädchen im Alter zw. 14 und 17 Jahren Symptome einer Essstörung aufzeigen (bei Jungen sind es rund 12 %) Quelle Der Kult des Abnehmens rekrutiert Frauen schon früh und eine Folge sind Essstörungen. In den letzten zehn Jahren sind die Fälle der Anorexie signifikant angestiegen.
2023 starben in Deutschland 78 Menschen aufgrund von Essstörungen. Ein deutlicher Anstieg.
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Weight Watchers lässt sich seit 1963 dafür bezahlen, dass Frauen sich gegenseitig überwachen. Und damit lässt sich viel Geld verdienen.
Diätanbieter gibt es wie Sand am Meer. Die Versprechen sind undurchsichtiger geworden, aber sie verkaufen weiterhin dasselbe Produkt.
Wir sind Opfer geworden von einer milliardenschweren Gehirnwäsche.
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Was heißt es eigentlich, „Diät“ zu machen? Es ist selbst auferlegtes halbes Verhungern.
„Es liegt auf der Hand“, schreibt Roberta Pollack Seid, „dass eine Frau, die eine Diät macht, in gleicher Weise reagiert wie die Opfer von Hungersnöten […] Hunger, auch wenn er freiwillig ist, löst bei allen menschlichen Wesen ähnliche Reaktionen aus.“ Sie beschäftigen sich fast wahnhaft mit Essen, sind gereizt, müde, irritierbar.
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Die Ideologie des Hungerns ist ein wirksames Mittel gegen die Frauenbewegung, betont Naomi Wolf.
„Eine Frau, die unter Anorexie leidet, beginnt ihren Leidensweg vielleicht aus Trost, aber vom Standpunkt einer männerdominierten Gesellschaft aus gesehen, beendet sie ihn als perfekte Frau. Sie ist schwach, asexuell, ihrer Stimme beraubt. Die Frau in ihr ist umgebracht worden.“
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Doch die großen Anbieter schütteln den Kopf. „Wir verkaufen keine Diäten, die wirken doch nicht. Wir bieten eine Lebensstilveränderung an und Gesundheit!“
Und wir glauben ihnen mit einer religiösen, ja fast sektenartigen Hingabe. Doch was verkaufen sie eigentlich?
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Detox-Tees: Der Zaubertrank für die Bikinifigur!
Wohl eher Abführmittel in einer schicken Verpackung.
Doch die Nebenwirkungen von Laxativ-Missbrauch gehen weiter, als ein längerer Stuhlgang: Krämpfe, Dehydrierung, Erschöpfung, Herzinfarkt, Herzversagen, Tod. Und der Bikini passt trotzdem nicht.
(Bilder beispielhaft)
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Diätpillen: Ein altes Abnehmwunder.
In den 1890er Jahren war Schilddrüsenextrakt enthalten und es verbrannte Muskelgewebe, wie auch die inneren Organe, verursachte Osteoporose, Herzrasen und Tod.
In den 1920er Jahren folgte eine Pille mit Dinitrophenol – ein Insektizid und Bestandteil von Sprengstoffen. Ich glaube, ich muss die Nebenwirkungen nicht auflisten.
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In den 1950er und 60er Jahren entdeckte man Amphetamine. In den 1970er Jahren wurden sie sogar an Kinder verschrieben. Es folgten Suchterkrankungen, Halluzinationen, Herzschäden, Tod.
1989 dann Norephedrin. 47.000 Menschen klagten über starke Nebenwirkungen. Pro Jahr starben 200 - 500 Menschen an Schlaganfällen.
Erst 2005 schlug die FDA in den USA vor, das Mittel als „nicht grundsätzlich sicher“ einzustufen. Etwas untertrieben meiner Meinung nach.
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Hunger ist ein politisches Instrument – nicht nur im globalen Sinne, sondern auch auf individueller Ebene. Besonders Frauen sind seit Jahrhunderten gezwungen, ihren Hunger zu kontrollieren, zu verstecken oder sich gar nicht erst einzugestehen, dass sie hungrig sind. Dieser Zwang ist tief in einer Gesellschaft verankert, die das weibliche Ideal mit Disziplin, Selbstverleugnung und äußerer Schönheit gleichsetzt.
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Schlankheit wird mit Erfolg, Disziplin und Selbstwert gleichgesetzt. Wer „zu viel“ isst, wer „zu dick“ ist, gilt als undiszipliniert, faul oder sogar unmoralisch. Fatshaming ist dabei kein individueller Angriff, sondern eine systematische Methode, um Frauen kleinzuhalten – sowohl körperlich als auch psychisch.
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Hunger wird dabei nicht als biologisches Bedürfnis betrachtet, sondern als eine Art Charaktertest: Wer hungrig ist, soll widerstehen. Wer nicht widersteht, hat versagt. Diäten sind längst nicht mehr nur eine Frage der Gesundheit, sondern ein sozial akzeptierter Selbstoptimierungszwang, der Frauen konstant mit der Botschaft konfrontiert: Du bist nie genug.
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Die Kontrolle über den weiblichen Körper ist ein historisches Muster. Von Korsetts bis zu heutigen Diättrends wurde und wird Frauen stets vermittelt, dass sie nicht zu viel Raum einnehmen dürfen – weder physisch noch gesellschaftlich. Selbst Hunger ist ein feministisches Thema: Während Männer sich mit Kraft, Energie und Wachstum identifizieren, wird von Frauen erwartet, dass sie sich beschränken, zurücknehmen, kleiner machen.
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Doch was wäre, wenn Frauen ihren Hunger nicht länger als Schande begreifen, sondern als ein Recht? Nicht nur den physischen Hunger, sondern auch den nach Macht, nach Raum, nach Selbstbestimmung? Denn ein weiblicher Körper, der sich nicht nach gesellschaftlichen Normen richtet, ist radikal. Und eine Frau, die isst, ohne sich zu schämen, ist gefährlich für eine Welt, die von ihrer Unsicherheit profitiert.
[Ende]